Januar 30 2018

Liebe FAZ, so geht Medienkritik nicht.

Ich hätte nie gedacht, man könnte der Tagesschau tendenzielle Berichterstattung vorwerfen (zumindest abseits verschwörungstheoretischer Filterblasen). Bis jetzt. Bis Michael Hanfeld in diesem Feuilleton-Beitrag der FAZ.Hanfeld wirft der ARD „Stimmungsmache“ vor. Warum?  Die Tagesschau berichte tendenziös.

So befand es die Redaktion für nötig, bei einem von ihr ins Netz gestellten, achtzehn Sekunden langen Ausschnitt eines Auftritts von Donald Trump in Davos, in dem er die Presse angriff („hinterhältig, gemein, böse und falsch“), den Ton aus dem Saal lauter zu drehen – damit man die Buhrufe besser hörte.

Gemeint ist dieser Tweet (liebe FAZ, Tweets kann man auch einbetten).

Sehen wir uns mal, wie CNN darüber berichtet:

Gut, CNN und Trump sind nicht gerade beste Freunde. FOX berichtete auch darüber, aber ich konnte nur eine Version, die nachbearbeitet wurde, finden, aber auch andere konservative Medien (Daily Mail) berichteten darüber.

Doch zurück zum FAZ-Beitrag. Über drei Absätze lässt sich Michael Hanfeld aus, ob dies eine verzerrende Darstellung sei. Man könne genauso gut fragen, warum sich Hanfeld nicht über die Diskreditierung seines Berufsstandes aufregt, die just von jenem Ausgebuhten seit über einem Jahr betrieben wird. Aber das ist wahrscheinlich die Normalisierung, von der viele schreiben (1, 2, 3, 4). Die Normalisierung, die auch Rechtspopulisten in Deutschland versuchen, und die auch hier langsam einsetzt (1, 2, 3).

Womit will Herr Hanfeld nun im Weiteren zeigen, dass die ARD tendenziell ist? Mit einem Tweet vom Account der Chefin des Hauptstadtstudios Tina Hassel:

Der FAZ-Autor zu diesem Tweet:

So twitterte im Cheerleader-Stil nicht die grüne Parteizentrale, sondern die Leiterin des ARD-Hauptstadtstudios, Tina Hassel, die sich über ein „starkes Ergebnis“ von Robert Habeck freute und eine Salve von Juchz-Meldungen abfeuerte.

Wie sagte die FDP-Generalsekretärin Nicola Beer im Interview mit der „Welt“? „Die Grünen sind oft Umfragekönige, auch wegen freundlicher Begleitung in den Medien.“

Tina Hassel jubelt. Aber sie macht daraus keinen Hehl. Journalisten sind politische Menschen und dürfen das auch sein. Dass sie ihre Gesinnung öffentlich zeigt, trägt auch zur Transparenz bei. Dieser Tweet von einem halbprivaten Account kann allerdings nicht als Nachweis genommen werden, dass Frau Hassel in ihrer Berichterstattung im Fernsehen tendenziell ist. Dafür braucht’s schon ein paar mehr Nachweise. Aus den Sendungen, nicht von Twitter.

Nicola Beer kann schwerlich als unparteiische Analystin gesehen werden. Aber Michael Hanfeld zitiert sie verkürzt, in ihrem Interview sagt sie nämlich:

Nun ja, die Grünen sind oft Umfragekönige, auch wegen freundlicher Begleitung in den Medien. Bei den Wahlen sieht es dann anders aus, vor vier Monaten haben sie knapp neun Prozent erreicht. Das sieht nicht nach einer gesellschaftlichen Gesamtbewegung aus.

Die Tagesschau und der NDR sind sicher kein Hort stramm konservativen Denkens. Genauso wie die FAZ nicht gerade für ihre sozialistischen Ideen bekannt ist. Mir käme als Linken aber nie in den Sinn, der FAZ tendenzielle Berichterstattung vorzuwerfen, auch, wenn sie mal daneben hauen wie mit diesem Text, der ins Horn derer bläst, die von „Lügenpresse“ und „Fake News“ schwadronieren.

Tendenziell ist nämlich Michael Hanfelds letzter Satz (der im Text gleich hinter dem obigen Beer-Zitat kommt):

Die einen werden ausgebuht, die anderen bejubelt: Im Ersten wissen sie, wie man Stimmung macht.


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Veröffentlicht30. Januar 2018 von Martin in Kategorie "Medien", "Politik

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